Tanztee, Kaffeeklatsch und heiße Nächte

Kleine Geschichte zur „FEMINA“, Varieté und Nachtclub in Aachen, 1952 bis 1980

Der Besucher der Ersten Etage des Hauses „ELISENGALERIE“am Aachener Kapuzinergraben, betritt helle moderne Räumlichkeiten einer Arztpraxis für Orthopädie. Obwohl der Besucher nicht als Patient kommt, wird er von einer freundlichen jungen Dame an der Rezeption mit den Worten empfangen: „Hier sind sie richtig, das sind die früheren Räume der FEMINA. Schauen sie sich gerne um. Dort, wo sie gerade stehen, war früher die Tanzfläche. Und dort hinten, wo das Wartezimmer ist, befand sich früher die Bühne des Varietés. Dabei deutet die Dame auf einen ansprechenden halbrunden Bereich, wo die wartenden Patienten sitzen. Seitlich die rote Wand ist geschmückt mit historischen Fotos und anderen Erinnerungsstücken aus der Zeit der „FEMINA“. Ein leichter Schauer erfasst den Betrachter. Seine Gedanken schweifen zurück in die Zeit der 1950er bis Ende 70er Jahre. Er sieht sich zwischen dem Plüsch und der tanzenden und feiernden Gesellschaft dieser Nachkriegszeit in Aachen, als auch er manchmal zu den Gästen in diesem Hause zählte.

Die Trümmer des Krieges sind teilweise beseitigt. Das „normale Leben“ zieht langsam in Deutschlands Städte wieder ein. So auch in Bad Aachen, der arg zerstörten Stadt am Dreiländereck.

Anfang der 50er Jahre werden Firmen gegründet und Geschäfte eröffnet, „Normalität“ und Nachtleben finden wieder statt.1952 wird einer der ersten Nachtclubs Deutschlands eingeweiht, die „FEMINA“, das bald schon angesagte Varieté im Westen der jungen Republik.

Der Club befindet sich auf der 1. Etage der NUELLENS-PASSAGE , eine der ersten Einkaufspassagen in der Innenstadt, in der auch, fast gleichzeitig ein Lokal namens BOLZ eröffnet, später ein renommiertes Weinlokal. Die Passage führt am anderen Ende zum „Zimmertheater“, einem kleinen privaten Theater mit alternativem Programm zum Stadttheater, das bei der Bevölkerung sehr beliebt ist. Heute kennt es der Aachener als GRENZLANDTHEATER,in das das Zimmertheater 1962 umgewandelt wurde, seit den 90er Jahren in der ELISENGALERIE angesiedelt .

Herzstück des Hauses ab 1952 ist die „FEMINA“,Varieté und Nachtclub, in die ca. 600 Gäste passen, plus der separaten Bar „AHOI-STÜBCHEN“ . Später kommt noch der „HEIDEKRUG“ hinzu, für die Kaffeekränzchen am Nachmittag und andere kleine Events. Firmen feiern dort ihre Betriebsfeste und andere Veranstaltungen. Es finden in der Session Karnevalsbälle für Groß und Klein in den Räumen der FEMINA statt. Es kommen Modenschauen von internationalem Format auf den Laufsteg und die Friseurinnung zelebriert die saisonalen friseurischen Neuheiten aus Paris, Mailand und London. Verschiedene Aachener Tanzschulen halten ihre Mittel- und Abschlussbälle in den Räumen der FEMINA ab. Bald finden regelmäßig Tanztees statt. Die Jugend hält zunehmend Einzug. Bei Live-Musik lokaler und internationaler Kapellen und modernen Musik und Tanzveranstaltungen kriegt die FEMINA noch zusätzliche Bedeutung.

Hauptattraktion bleibt aber der Nachtclub-Betrieb, der die Stars der Pop und Schlagerwelt nach Aachen bringt und der Stadt ein internationales Flair verleiht. Es trifft sich die gehobene Gesellschaft und wer dazu gehören will, die Reichen und die Neureichen. Zahlreiche berühmte Künstler und Persönlichkeiten aus dem Kino und später TV treten hier auf und sind begeistert von der Atmosphäre und dem Aachener Publikum. Darunter Marika Röck, die auch schonmal von einem jungen Begleiter aufgefangen werden muss, wenn sie droht von der Bühne zu kippen, weil sie wieder zu tief ins Glas geschaut hat. Vico Torriani gibt sich die Ehre mit „Kalkutta liegt am Ganges“ und Chris Howland hat alles „In Paris gelernt“ . Lys Assia brachte ihren Hit: „Oh mein Papa“, der zum Klassiker wurde, genau wie Lale Andersen mit „Ein Schiff wird kommen“. Zarah Leander, der Star aus dem hohen Norden tritt auf mit ihren unvergesslichen Hits: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ und „Kann denn Liebe Sünde sein“. Schlager, die die Diva schon im DRITTEN REICH berühmt machten.

Heinz Erhardt vergnügt das Publikum mit seinen Gedichten. Margot Eskens, aus dem nahegelegenen Düren trällert „Tiritomba“. Und ihr Vater gibt gegenüber in der JANOS-Bar ihre Lieder auf dem Akkordion zum besten, immer mit den einleitenden Worten:„Ich spiele jetzt das Lied meiner Tochter“. Er ist ein Original der Szene.

Heidi Brühl seufzt: „Wir dürfen niemals auseinander gehen“.Wen immer sie damit meint.Und das Gegenstück TRUDE HERR aus Köln , die mit rabaukiger Stimme zum besten gibt: „Ich will keine Schokolade , ich will lieber einen Mann“. Nicht zu vergessen, der Barde der 50er Jahre Gerhard Wendland, begeistert die älteren Damen mit seinem Nummer eins Schlager : „Tanze mit mir in den Morgen“ und sein Konkurrent René Carol schmachtet: „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein. Ähnlich unvergessen: der vielgeliebte Jugoslawe Ivo Robic mit dem Klammerblues „Morgen“.

Ein großer Star, der nicht fehlen darf, kommt mit Caterina Valente und einem ganzen Potpourri von großen Hits: „Ganz Paris träumt von der Liebe“, „Oh mein Papa“, „ Wo meine Sonne scheint“, „Spiel noch einmal für mich Habanero“,“Tschau tschau Bambina“ und viele andere.

Die meisten Lieder der Stars sind rhythmisch und eignen sich durchweg zum Tanzen. Ein Vergnügen, das endlich nach Jahren der Entbehrung wieder unbeschwert genossen werden kann. Besonders attraktiv sind in der zweiten Hälfte des 50er Jahrzehnts die italienischen Lieder, weil die Deutschen bevorzugt darauf versessen sind, in den Süden zu fahren und Urlaub zu machen. Bis heute kennt man die „Caprifischer“, von Schnulzen- Knödler Nr.1, Rudi Schuricke, der als Gaststar nicht fehlen darf. Dazu kommen Seemannslieder und Meersballaden, die immer beliebter werden. Ein Hauptvertreter dieser Musik ist Freddy Quinn, dessen Karriere ebenfalls Jahrzehnte überdauert, „Die Gitarre und das Meer“, „Seemann, lass das Träumen“, sowie „Heimatlos“, Hits mit denen er die Frauenherzen zum Schmelzen bringt. Kaum jemand wäre drauf gekommen, dass Freddy schwul ist. „So etwas“ gibt es einfach nicht, schon gar nicht bei den Frauenidolen. Apropos, auch Roberto Blanco schaut vorbei: „Heute so, Morgen so“, „Ein bisschen Spaß muss sein“. Später, in den 70ern, fährt der Lokalmatador Christian Anders in seinem goldenen RollsRoyce vor und hat seinen Auftritt mit „Geh nicht vorbei“ und dem Hit „Es geht ein Zug nach Nirgendwo“.

 

Der absolute Höhepunkt in den Annalen der FEMINA ist der Auftritt von Josephine Baker, der „schwarzen Göttin aus Amerika“, wie sie angekündigt wird.

Später steht in den Zeitungen: Sie trug kaum mehr als Federn und wackelte so virtuos mit dem Po, dass die Zuschauer in Schnappatmung verfielen. Es war eine Show, wie Aachen sie noch nie erlebt hatte und auch später nie mehr erleben wird. Bei der After Show-Party tanzt Josephine dann nur noch mit jungen Damen, was aber niemanden stört.

Von nun an ist das Nachtleben Aachens und die Clubszene deutschlandweit bekannt. In vielen Städten ziert die FEMINA die Titelseiten der Gazetten. Natürlich mit dem Aufmacher Josephine Baker, mit ihrem berühmt berüchtigten Bananen-Röckchen.

Das Aachener Nachtleben boomt und lockt Gäste aus aller Herren Länder an, vorwiegend aus dem Dreiländereck. Es entstehen verschiedene neue Nachtclubs und Striptease -Bars in der Kaiserstadt. Es blühen auch illegaler Handel und die Prostitution. Bonzen aus der Geschäftswelt, darunter auch alte Nazigrößen und andere wenig sympathische Herrschaften der Halbwelt durchmischen das Publikum. Das sind Randerscheinungen, mit denen der Großstädter leben muss. Manche sind gar der Meinung, das gehöre zum internationalen Flair einer Stadt.

Auf dem Höhepunkt der FEMINA-Zeit ereignet sich ein Verbrechen, das wiederum deutschlandweit die Schlagzeilen beherrscht, in Aachen gleich mehrere Wochen.

Die Gattin des FEMINA-Inhabers K. wird ermordet. Sie hatte sich in einen persischen Studenten verliebt. Als sie ihm erklärt, ihren Ehemann nicht verlassen zu wollen, kommt es zu einer Eifersuchtsszene, in deren Verlauf der Perser ein Messer zieht und die schöne Frau K. ersticht.

Das bedeutet jedoch nicht das traurige Ende diese außergewöhnlichen Etablissements am Dreiländereck. Die „FEMINA“ behält noch bis in die 80er Jahre ihren guten internationalen Ruf . Dann ist irgendwann die Zeit der Varietés und Nachtclubs vorbei.

DIE FEMINA BLEIBT UNVERGESSEN.


 

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René H. Bremen

René H. Bremen, Jahrgang 1942, ist Aachener, Rentner und arbeitet als Maler und Bildhauer. 35 Jahre lang hatte er Friseursalons in Aachen, nachdem er sieben Jahre in diesem Beruf im Ausland verbracht hatte (verschiedene Orte in der Schweiz, London, Paris und Montreal).

Seit dem Tod seiner Frau 2007 bekleidet er verschiedene Ehrenämter, interessiert sich für klassische Musik und Literatur und reist viel. Er ist Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs "Atelier-Kunstdialog", das seit 2006 besteht.

4 Antworten

  1. Walter von den Driesch sagt:

    Bravo. Dieser Beitrag musste endlich mal geschrieben werden! Das Lokal hieß allerdings “Bols – Bei Körner”.

  2. Hallo, liebe “UNSER AACHEN”-Leser und Fans,
    Danke für die zahlreichen Mails und Feedbacks zu meiner FEMINA-Story.
    Schön, dass sich noch so mancher an diese Zeiten erinnert. Verschiedentlich wurde ich aufgefordert, etwas über den sog. “HERBST-SKANDAL”(Ende 50er) zu schreiben. Dank einiger Insider-Kenntnisse könnte ich dazu einiges kundtun. Aber aufgrund von “lebenden Beteiligten” oder Verwandten, werde ich das heiße Thema wohl nicht angehen. Einen Slogan in dem Zusammenhang, der damals die Runde machte, möchte ich noch zitieren: “AACHENER, VERHEIRATET EURE TÖCHTER IM FRÜHLING, SONST KOMMT DER HERBST!”
    Mit lieben Neujahrsgrüßen !

  3. Claudia Roderburg sagt:

    Hallo Herr bremen, liebe Uschi, eines möchte ich noch anfügen an den Beitrag zur Femina. Der Eigentümer K. hatte zwei Töchter und eine davon hatte als Taufpatin Zarah Leander und hieß auch mit zweitem Namen Zarah.
    Liebe Grüße und danke für den Bericht, der mal wieder Klasse war!

    Und in der Bols, lieber Walter, trafen wir uns immer noch spät in der Nacht, z.B. wenn der Abschlussball vom AKV im Stadttheater zu Ende war.

    Claudia Roderburg

  4. Pannenbecker sagt:

    Hallo Herr Bremen,
    vielen Dank für den schönen Artikel. Ich bin eine der beiden Töchter von Herrn Kuypers und es handelt sich um meine Patentante.

    Viele Grüsse
    Zarah Claudia Pannenbecker
    geb. Kuypers

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