Die Vaalser Straße zwischen Garten- und Junkerstraße in den 1950er Jahren

An der Ecke zur Gartenstraße, wo die Straßenbahnen von der Vaalser Straße abbogen, war, nachdem die dortige Kriegsruine wiederaufgebaut war, ein Restaurant und Hotel. Der Wirt hieß Weiß. Dieses Lokal gehörte m. E. nicht zu denen, die der durchschnittliche Kneipengänger in der Regel besuchte. Später übernahm dann Herr Holz dieses Restaurant, aber nach einigen Jahren übernahm er dann die danebenliegende Kneipe „Zum Faß“.

Diese war eine kleine, aber gediegene, nette Kneipe. Und da sie an Stelle von Tischen Holzfässer hatte, hieß sie „zum Faß“. Der erste Wirt, Krause, war- da kein Öcher- etwas gewöhnungsbedürftig; aber, auch wenn er „ne Drüjje“ war, war an sich ganz nett und verbreitete eine ruhige Atmosphäre. Vor allem gab es dort Weihenstephan Bier.

Wiederum daneben wohnte Parterre „der Schnieder“ Klar.

Ein paar Häuser weiter folgte die Bäckerei und Konditorei Straeten, deren Tochter mit mir in den Kindergarten von St. Jakob ging. Ebenso wie Bärbel, die Tochter der danebengelegenen Hufschmiede Winandy. Diese Schmiede lag etwas zurück und hatte so einen Vorhof.

Dort wurden die dicken Kaltblüter, also die Ackergäule, aus der Umgebung, die es damals noch reichlich gab, beschlagen. Die kamen vor allem aus der Hanbrucherstraße.

Hier hatten wir Kinder immer viel zu gucken, besonders wenn die heißen Eisen den schweren Hufen der in den „Gestellen“ festgespannten Tiere angepasst und aufgebrannt wurden. Dabei gab es immer Flammen, Rauchwolken und den typischen Gestank von verbranntem Horn.

Ich erinnere mich, dass ich einmal auf dem Weg zum Kindergarten mitbekam, dass ein Tier durch die Abdeckung einer Klärgrube gebrochen war und nun bis zum Bauch darinstand und nicht mehr aus eigener Kraft da herauskam. Da musste die Feuerwehr helfen, die es nach Stunden schaffte, das Tier unversehrt da herauszuholen. Das bekam ich auf dem Heimweg dann mit.

Nachdem der Schmiedebetrieb aufgegeben worden war, wurde auf dem Hof ein Wohnhaus  gebaut, und dort eröffnete Frau Winandy Parterre ein Geschäft mit Haushaltswaren.

Gleich neben der Schmiede kam die Kneipe von Peter(Pit) Johnen und seiner deftigen Frau Agnes. Er war ein großer stattlicher Mann mit bürstenartigem Schnurrbart und etwas traurigen Bernhardineraugen. Beeindruckend waren seine riesigen Hände.

Mit diesen Pranken soll er schon so manchen unangenehmen Zecher vor die Tür gesetzt haben. Seine Frau setzte sich gerne zu guten Stammgästen.

Hier wurde Degraabier ausgeschenkt, das 0,2 l Stängchen für 30 Pfennige! Im Eingangsflur gab es ein „Rüütchen“ für Leute, die entweder nur etwas kaufen wollten oder aber aus gewissen Gründen nicht beim Trinken erkannt werden wollten.

Meine Freunde und ich von den „Westend Jazzmännern“, wie wir uns großspurig nannten, hatten diese „Pinte“ ins Herz geschlossen und zum Stammlokal erkoren. Und so zogen wir dann oft nach den Proben im Westend dorthin, wenn wir nicht Kathy Beyss „überfielen“, die immer ein Bier oder einen Johnny Walker für uns hatte.

Gleich daneben folgte zunächst das Kohlenlager von Strang, das nach einem Neubau auch die Imbiss-Stube von Langohr beherbergte. Luise Langohr mit ihrem Ehemann, genannt „Scheck“, war eine Schwester vom Abschlepphai Strang und ehemals Bademeisterin im legendären Pelzerbad im Johannistal.

Einige Häuser weiter folgte, da wo heute die von-Brandis-Straße beginnt, ein ziegelroter uralter Bauernhof. Hier gelangte man durch ein Hoftor und einen vernachlässigten Hof in eine Schusterwerkstatt vom Schuster Schiffers, wie man sie sich heute beim besten Willen nicht mehr vorstellen kann. Hinter einer alten Holztür trat man in eine düstere Umgebung mit spärlicher Beleuchtung, aber mit der typischen Schusterglas- Leuchte (wassergefüllte Kugel mit Kerze dahinter). Es fanden sich neben dem Schusterfuß auch einige Maschinen, aber die Wände waren voller Schuhe, alte wie neue, Leisten, Dosen mit Nägeln und Holzpinnen, etc.

Die Luft roch sowohl nach Leder, Gummi, Leim als auch nach Pfeifenqualm, denn der Schuster, der in seiner blauen Schürze hinter seinem Dreifuß saß und arbeitete, hatte in seinem zahnlosen Mund immer eine brennende Pfeife. Er selbst war hager, mit knöchernem Gesicht, runde Nickelbrille und dem (fast unvermeidlichen) Buckel. Eine Unterhaltung mit ihm war kaum möglich, besonders da er für unsere Kinderohren vom Land zu kommen schien.

Als ich das erste Mal mit meinem Bruder dahin geschickt wurde, waren wir völlig irritiert. Nach unserem Gruß hieß es: „Van wo kommt ührrrr?“ Er sprach ein rollendes R und hatte eine uns fremde Sprachmelodie. Das konnten wir noch verstehen. Unsere Antwort: „Von Driessen“. – „Van Drrrievom?“ – „Nein, von Driessen!“ – Dann wieder: “Van Drrrievom?“ – „Nein!“ (jetzt überdeutlich): „Von Driessen!“ –Antwort: „Ah, van Drrrievom!“ Da hatten wir begriffen.

Seine Frau, die blind war, saß immer dabei. Bei unserem Vater hieß sie: „De scheäl Blengmann“. Deren Ziehsohn, Zimmermann, hatte hinter der Eisenbahnbrücke ein Kohlenlager. Der hieß wegen seiner besonderen Kopfform nur „de Zuppeboll“. Dessen Frau wiederum war sehr stämmig und hatte einen mächtigen blond gelockten Haarwuchs. Daher hieß sie „der Karressellelüew“.

Auf dem nächsten Stück folgten Gärtnerei Fritsche, zu der man aber nur über den Piefenhäuschenweg gelangte.

Dann eine Tankstelle sowie zwei schmale Häuser, wo immer die Haustüren offenstanden. Dort in der Nr. 38 wohnte zuletzt Josef Schräger, der „billige Jakob“, der von Bruno Lerho wunderbar in seinem Buch „Aachener Originale“ beschrieben wird. Ergänzen kann ich hierzu, dass er kurz vor dem ersten Mai mit Sträußen von Maiglöckchen durch die Kneipen zog, mit dem Sprüchlein: „Der Mai is noch nich jekommen, aber der billije Jakob mit de Maijlöckchen!“

Zuletzt folgte der Flachbau des Lokals Horsch an der Ecke Junkerstraße, das durch seine Lage drei Eingänge hatte und ebenfalls ein Rüütchen. Der Sohn Gusti war mit meinem Bruder bei den Pfadfindern.

Dorthin zog es manchmal unseren Vater zum Skaten. Von dort, so erzählte er, wurde einer seiner Skatbrüder regelmäßig, wenn er nicht mehr Herr seiner Beine war, von seiner Frau wie ein Sack über die Schulter geworfen und abgeschleppt. Dabei soll er im Rückwärtsgang immer gelallt haben: „Mer kann esue voll siie, wie mer welt, ma moss mär aaanständig bliive!“

Gegenüber, in dem Dreieck zwischen Junker-, Vaalser Straße und Schanz, wo heute nur Autos parken, war damals ein schöner Kinderspielplatz, den ich gerne besuchte.

Damals, wenn die Prozession zu Fronleichnam durch das Jakobsviertel zog, war dort der 4. Segensaltar aufgebaut, und hier fand auch der Abschlussgottesdienst statt.

Neben den Priestern, den vielen Messdienern sang natürlich der Kirchenchor, und der Platz war schwarz voller gläubiger Menschen, die sich nicht genierten, sich als Katholiken zu bekennen und den Gottesdienst mitzufeiern.


Februar 2021

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Paul Drießen

Paul Drießen, Jahrgang 1947, geboren in der Pfarre St. Jakob, Besuch der Volksschule Hanbrucherstraße, Abitur am KKG, Studium an der PH Aachen, 40 Jahre Hauptschullehrer. Seit 28 Jahren Puppenspieler beim Öcher Schängche mit Leib und Seele, als einziger Musiker dort zugleich "GMD". Mundartdichter. 50 Jahre verheiratet, 4 Kinder, 5 Enkel.

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3 Antworten

  1. Peer van Daalen sagt:

    Vielen Dank Herr @Paul Drießen für diesen schönen Artikel.

    An einige wenige Örtlichkeiten kann ich mich vage auch noch erinnern oder man hatte mir mal davon erzählt.

    Und die Spur zu Luise Langohr und dem Abschleppunternehmen STRANG werde ich noch weiter verfolgen, weil ich seit Jahren nur über seeehr spärliche Informationen und Daten zu dem legendärem Pelzerbad im Johannistal verfüge. Ich spreche jeden (älteren) Menschen an, den ich bei meinen Spaziergängen im Johannistal treffe.

    Immerhin gibt es im Netz ein wunderschönes Photo aus jener Zeit mit einem vollbesetztem Pelzerbad.

    https://aachen-stadtgeschichte.de/pelzer-bad-in-aachen/ aus der Sammlung Mühlenberg.

    http://www.ulis-nachschlag.de/2021/20210612_pelzerbad.php (mit einem Verweis zu Bruno Lerho).

    Und natürlich das schöne Balkongeländer mit einer Gravur (?) vom Pelzerbad an der Hanbrucher Straße 2 Ecke Hammerweg.

    Bleiben Sie gesund und uns noch lange erhalten.

  2. Wolfram Dorn, Kohlscheid sagt:

    Danke für diesen Artikel. Meine Schülerzeit war in Steinebrück, Jugend und Junggesellenzeit in Burtscheid. Von der Vaalser kenne ich Gastwirt Jupp Holtz, dort haben wir mit VfB 08 in 1986 den 50. GT vom Jupp (Vereinslokal) mitgefeiert, durch Mitarbeit beim Umweltamt außerdem Bruno Lerho und den Landwirt Brab (V-230) samt Sohn Peter (+) sowie den Hähnchen-Hein von Ecke Hanbrucher

  3. Hannelore Follmer sagt:

    Herrlich, dieses Beschreibung der unteren Vaalser Straße in früheren Zeiten! Es war zwar nicht die Wohngegend meiner Kindheit, ich erinnere mich aber auch noch an die Kohlenhandlung und den Spielplatz an der Schanz. Besonders gelungen finde ich die Darstellung der Schusterwerkstatt. Meine Kindheit habe ich in Burtscheid verbracht und “unser Schuster” hatte seine Werkstatt auf der Burtscheider Brücke. Den Geruch von Leder und Klebstoff habe ich heute noch in der Nase und den Schuster sehe ich noch in seiner blauen Schürze vor mir. Wir brachten oft die Schuhe dahin, um die Absätze oder Spitzen neu besohlen zu lassen oder auch nur um neue Schuhriemen zu kaufen, die es in allen Farben und Länge dort zu kaufen gab. In unserer Kindheit hatte wir jeder nur ein Paar Halbschuhe und ein Paar Winterschuhe, vielleicht noch ein Paar Sandalen. Und oft wurden die Schuhe auch noch von einem jüngeren Geschwisterkind aufgetragen.

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