Von Gut Melaten nach Seffent

Nach einem Krankenbesuch im Klinikum mache ich meistens noch einen Spaziergang durch das Naturschutzgebiet hinter dem Krankenhaus, durch den Karlsgarten, über die Obstwiese zum nahen Feuchtbiotop, bis hin zu den „ Sieben Quellen“, die in Seffent entspringen. Danach habe ich den  Kopf wieder frei und in meinen Lungen ist die Krankenhausluft durch frischen Sauerstoff ersetzt worden.

Innenhof Gut Melaten

 

Auf meinem Weg dorthin komme ich aber zuerst am alten „Gut Melaten“ vorbei, einer Ansammlung von Gebäuden, die mich immer wieder in ihren Bann ziehen. Der Name „Melaten“ leitet sich ab  von mal `ladre,  der „Krankheit des Lazarus“, handelt es sich hier doch um ein mittelalterliches Leprosorium, also eine Art Quarantänestation für Leprakranke und Aussätzige.

Die Schautafeln gegenüber dem Eingang informieren umfassend mit Text und Bild. Seit dem 8. Jhrt. bis 1550 diente Gut Melaten als Aussätzigenhaus (Leprosorum Aquensis Leodiensis Diocesis).

Eingang Gut Melaten

 

Der Hofkomplex wurde draußen vor der Stadt angelegt, weil man sich vor einer Ansteckung durch die Krankheit fürchtete. Gleichzeitig wählte man aber eine Lage direkt an der alten Königsstraße zwischen Aachen und Maastricht (Via Regia), weil die Leprakranken dadurch die Möglichkeit hatten Reisende um Almosen anzubetteln. Almosen gab man damals gerne und reichlich, wurden einem doch dadurch Ablässe gewährt und der Platz im Himmel rückte näher. Über diesen Königsweg zogen die zukünftigen Könige mit ihrem Gefolge nach Aachen, um im Dom gekrönt zu werden.

Die Leprakranken bewirtschafteten den Hof und die dazugehörigen Äcker und wurden von Geistlichen betreut. Zum Hof gehörten eine Kapelle und ein Friedhof.

Schautafel neben dem Eingang

 

Geht man durch das Tor in den Innenhof und wendet sich nach rechts, findet man dort in der Ecke die Stelle wo sich die Kapelle  befand. Wegen Baufälligkeit wurde sie 1896 abgerissen. Hier erinnert noch ein Steinkreuz, das an der Stelle des ehemaligen Altars errichtet wurde an die Melatenkapelle. (Auf dem Ostfriedhof in Aachen wurde die Melatenkapelle als Kopie nachgebaut, einige Originalsteine wurden integriert.)

Auf dem Steinkreuz steht zu lesen:“ Zur Erinnerung an die wegen drohenden Einsturzes niedergelegte Melaten-Kapelle wurde an der Stelle des Altars dieses Kreuz errichtet. 1897.“

Steinkreuz an Stelle der ehemaligen Kapelle

 

Die Toten der Leprastation wurden rechts neben der Kapelle auf einem Friedhof beigesetzt. Bei Ausgrabungen wurden Skelette gefunden.

Daran erinnert noch ein Holzkreuz, das die Melaten-Gesellschaft Aachen e.V. hier aufgestellt hat. Es trägt folgende Inschrift: „Errichtet am 7. Mai 2011 zum Gedenken an die hier auf dem Aachener Melatenfriedhof Bestatteten.“

 

Kreuz an der Stelle des ehemaligen Friedhofs

 

Die Leprakranken versorgten sich weitgehend selber, manche lebten zum Teil bis zu 30 Jahre hier, ehe sie an den Folgen der Krankheit oder Schwäche verstarben. Gerne nahmen sie auch Almosen in Form von Geld, Roggen, Wein  oder Ackerland an. Gut Melaten besaß einen eigenen Brunnen zur Wasserversorgung, die Kranken wohnten wahrscheinlich in Holzhütten, die sich  in der Nähe der Gutsanlage befanden.

Im 16. Jhrt. verschwand die Lepra in Mitteleuropa und Gut Melaten wurde als Leprosorium aufgegeben, danach diente es zunächst als Hospital und anschließend  wurde der Gutshof nur noch landwirtschaftlich genutzt. Heute gehört Gut Melaten der RWTH Aachen. Die Anlage „Gut Melaten“ zählt zu den geologischen und archäologischen Bodendenkmälern der Stadt Aachen.

Schafherde auf der Rabentalwiese

 

Verlässt man Gut Melaten in Richtung Seffent, trifft man in unmittelbarer Nähe auf den Karlsgarten, der hier nach dem „Capitulare de villis vel curtis imperiallibus“ Karls des Großen angelegt wurde. Die Pflanzen dienten als Heilmittel und waren die „Apotheke des Mittelalters“. Er wird vom Freundeskreis Botanischer Garten e. V.  unterhalten.

Eingangsschild am Karlsgarten

 

Alle Heilkräuter sind mit kleinen Informationsschildern versehen, auf denen man sowohl den deutschen als auch den botanischen Namen der Pflanzen lesen kann.

Verlässt man den Karlsgarten in Richtung „Rabental“ wandert man über eine Streuobstwiese, die vom Freundeskreis Botanischer Garten Aachen e.V. unterhalten wird. Auf der Rabentalwiese stehen mehr als 100 Obstbäume, die Kindern aus der Region gewidmet sind. Es handelt sich um alte, heimische Obstsorten.

Streuobstwiese im Rabental

 

Die Bäume werden vom Verein geschnitten und gepflegt. Am Rande der Wiese findet man u.a. einen Totholzhaufen, der einen wichtigen Lebensraum für Igel, Insekten und Vögel darstellt, ein Insektenhotel, Greifvogelstangen, auf denen man mit etwas Glück einen Mäusebussard sitzen sieht, und einen Versuchsteich.

 

Versuchsteich mit Blick aufs Klinikum

 

Der Teich ist Teil des außerschulischen Lernortes „Eutopion“ und wird als Freilandlabor „Wasser“ genutzt.

Mein Weg führt mich weiter über den Rabentalweg Richtung Seffent, linkerhand liegt ein großes Regenrückhaltebecken.

Rechts liegt das Schutzgebiet „Wilkensberg“, wo mich ein paar Schafe freundlich begrüßen.

Schafsherde am Wilkensberg

 

Hier am Wilkensberg findet man je nach Jahreszeit seltene Pflanzen und Tiere, z.B. wilde Orchideen, die gelbe Spargelerbse, die Büschelglockenblume und oder die Heckenbraunelle.

Nach kurzer Zeit erreicht man die „Sieben Quellen“, genauer gesagt, die beiden Quelltöpfe des Wildbaches. Der Name „Sieben Quellen“ leitet sich vom lateinischen „Septem fontes“ ab, aber beim genauen Hinsehen und Zählen, erkennt man, dass sich in den Quelltöpfen mehr als 7 Quellen befinden. Das Wasser hier ist sehr sauber und nährstoffarm. Man findet darin viele Wasserorganismen wie Bachflohkrebse und Strudelwürmer. Auch die Brunnenkresse wächst hier. Der Wildbach verlässt das Quellgebiet in Richtung Soers.

Quelltopf mit Brunnenkresse

 

Quelltopf des Wildbaches

 

Der Wildbach bei Seffent

 

Dieses Naturschutzgebiet „vor den Toren der Stadt“ ist ein kleines Paradies und zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert!

Hannelore Follmer

Hannelore Follmer im April 2015 über sich:

Ich bin Jahrgang '57 und ein "echter Öcher met Hazz en Blot". Meine Heimatstadt ist für mich die "schönste Stadt der Welt". Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder.

Eins meiner Hobbys ist das Öcher Platt. Im Verein Öcher Platt bin ich langjähriges Mitglied.

2 Antworten

  1. Richard Braun sagt:

    Liebe Hanne,

    mittels Lesen deiner Darstellung und Betrachten der Bilder atme ich als Leser tief ein und aus, vergegenwärtige diesen Teil der Aachener Natur und erhalte dadurch imaginär meine Sauerstoffdusche, die mir gut tut.
    Weiterhin viel Schreiblust, die dem Leser wohl tut.

  2. Manfred Haas sagt:

    Liebe Hanne,
    einen wunderschönen Bericht über Deine Heimat, ich hoffe es mögen viele Aachener diesen Hinweis verstehen, und es ebenfalls genießen, dieses kostenlose Angebot nutzen!!
    Ja liebe Hanne, ich aus dem bergischen Land, weis was so ein Angebot wert ist, aber , wenn man auf dem Esel sitzt und Ihn sucht , wird man dieses Angebot vielleicht nicht finden.
    Aber, es wird bestimmt den einen oder Anderen inspirieren.
    Weiter mit so wunderschönen Berichten.
    Es grüßt Dich, der liebe Manfred.

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