„Tante Inge ist abgesackt“

Ein Spaziergang über den  Aachener Westfriedhof

Altes Eingangstor Westfriedhof

Schon immer habe ich Friedhöfe geliebt, besondersdie mit alten monumentalen Grabstätten und verwitterten Grabsteinen, den steinernen Engeln und den alten Inschriften, die uns Geschichten aus dem Leben der Toten erzählen.  Mein Mann teilt diese Leidenschaft nicht mit mir. Er sagt immer: „Da komm ich noch früh genug hin!“

Da ich nicht weit weg vom Westfriedhof wohne, zieht es mich oft dorthin. Ich betrete die Anlage über den kleinen Fußweg, der sich seitlich am Steppenberg vorbeischlängelt und sofort befinde ich mich in einer anderen Welt. Hier herrscht eine Stille und Ruhe, abseits des Straßenlärms, die nur vom Zwitschern der Vögel und manchmal von einem vorbeifahren Zug der nahen Bahnlinie unterbrochen wird.

Gleich zu Beginn liegt rechts ein kleines Gräberfeld, das schon aus der Ferne bunt leuchtet. Die Kindergräber, von meist Totgeborenen, sind alle liebevoll geschmückt mit Blumen, Windmühlen, Spielsachen und bunten Steinen.  Hier kann ich nicht lange verweilen, denn mir wird das Herz sonst zu schwer.

Denkmal aus schwarzem Kalkstein

Gleich dahinter sind die Menschen bestattet, die ihren Körper nach dem Tod der Uniklinik Aachen zur Verfügung gestellt haben. Eine schwarze Kalksteinsäule mit der Aufschrift „Mortui prosumus vitae“ (noch im Tod dienen wir dem Leben) erinnert an sie.

Warum sie ihren Leichnam zur Verfügung stellten, kann verschiedene Gründe haben, vielleicht waren sie alleinstehend oder sie hatten finanzielle Probleme (die Bestattungskosten werden übernommen) oder sie wollten sich der medizinischen Forschung und Weiterbildung zur Verfügung stellen.

Vorbei an der monumentalen Grabstätte der Familie Brauer (ehemalige Schirmfabrik auf der Jülicher Straße, heute ist dort das “Ludwig-Forum für Internationale Kunst” ansässig) und dem Grab von August von Kaven (dem ersten Rektor der RWTH Aachen) nähere ich mich meinem Lieblingsbereich auf dem Westfriedhof I.

Grabstein August von Kaven, RWTH-Rektor

Grabmal der Familie Brauer

Hier befinden sich auf dem Areal vor der kleinen Kapelle die monumentalen Grabstätten der alten, „betuchten“ Aachener Familien, quasi die „Prominenz“ von Aachen.

Wenn man die Namen auf den Steinen liest, ist es als würde man in einem Aachener Geschichtsbuch lesen: Lochner, Haniel, Honigmann, Suermondt…

Da heißt es doch immer: „Im Tod sind alle gleich“, aber das stimmt wohl nur bedingt. Wer zu Lebzeiten „was an d´ Füße hatte“, der durfte auch nach seinem Ableben mit einer angemessenen Bestattung rechnen.

Grabstätte der Familie Suermondt

Ich verlasse, diesen Teil des Westfriedhofs über die Fußgängerbrücke, die mich die Vaalser Straße gefahrlos überqueren lässt. Mein Blick fällt kurz danach auf ein Grab, bei dem die Erde etwas eingesackt ist. Dabei fällt mir das Gespräch ein, dessen Zeuge ich bei meinem letzten Besuch der Aachener  Puppenbühne „Öcher Schängchen“ war.

Hinter mir saßen ein Mann und eine Frau, die sich über  Friedhöfe  und Verstorbene unterhielten. Immer wieder drangen Gesprächsfetzen an mein Ohr:

„Ich muss vier Gräber versorjen“, und „De Tante Inge is abjesackt, da hab ich vier Säcke Erde dran jetan. Jetzt jeht et wieder.“ „Wenn ich mal nicht mehr bin, dann macht dat keiner!“

Ich war fasziniert von diesem Dialog, nicht nur wegen des herrlichen Öcher Platts mit „Knubbelen“. Musste ich doch auch erfahren, das Onkel Willi „at eädfuul“ war und „dat man de janze Woche über vööl Werk met d`Gräber“ hatte. Wie gut, dass man sich heute hier beim Puppenspiel mal entspannen konnte!

Auf dem ehemals nur katholischen Westfriedhof II zieht es mich regelmäßig zum „Campo Santo“  ( italienisch: heiliges Feld) einer wunderschönen Grufthalle, die zwischen 1899 und 1905 entstanden ist. Sie besteht in der Mitte aus einem Turm und vier Seitenflügeln.

Campo Santo

Im Innern beeindrucken mich immer wieder die künstlerisch wunderschön gestalteten Grabmäler mit z. T. herrlichen Mosaiken und Skulpturen. Wer das noch nie gesehen hat, sollte dem Campo Santo unbedingt mal einen Besuch abstatten!

Campo Santo im Inneren

Hier auf dem Westfriedhof II findet man auch die ehemalige Klosterkirche St. Franziskus. Sonntagmorgens findet hier regelmäßig ein Gottesdienst statt, dann ist die Kirche geöffnet und man hat die Möglichkeit ihren Innenraum zu betrachten.

Auch hier auf diesem Friedhofsteil liegen Personen begraben, deren Namen mit der Geschichte Aachens verknüpft sind. Zu lesen sind da: Monheim, Giani, Veltmann, Mies van der Rohe … aber auch Heini Mercks (Öcher Karnevalist), Caroline Reinartz oder Elisabeth (Lipette) Jungbecker („Mutter der Ros“).

Man sucht hier auf dem Westfriedhof vergeblich nach  Soldatengräber aus den beiden  Weltkriegen, wie wir sie z. B. auf dem Waldfriedhof finden. Allerdings gibt es hier eine Gedenkstätte für sowjetische Zwangsarbeiter, die ab 1942 in großen Lagern in Aachen untergebracht waren. Viele der Toten, die hier liegen starben bei Bombenangriffen 1944, andere starben aufgrund der schlimmen Bedingungen und Entbehrungen während ihrer Zwangsarbeit.

Allen Toten gemeinsam ist, dass es durchweg sehr junge Männer und Frauen waren, die hier begraben worden sind.

Gedenkstein für sowjetische Zwangsarbeiter

Viele Gräber machen einen nachdenklich, aber dann gibt es auch die, bei denen man schmunzeln muss, wenn man vorbei geht. Auf einem Grabstein steht geschrieben: „Wer an meinem Grab weint, mit dem spreche ich nie wieder ein Wort“. Hier liegt wohl eine echte „Frohnatur“ begraben.  Auf einem anderen Stein lese ich die Worte aus dem Lied von Trude Herr „Niemals geht man so ganz“ und schon habe ich einen „Ohrwurm“.

„Niemals geht man so ganz,
Irgendwas von mir bleibt immer hier,
es hat seinen Platz
immer bei dir…“

Ich verlasse den Friedhof über den Ausgang an der Valkenburger Straße und „drehe noch eine Runde“ über die Hollandwiese, erfreue mich an den Blumen und Bäumen und den spielenden Kindern.

Wer jetzt Lust bekommen hat mehr über die Aachener Friedhöfe zu erfahren, dem kann ich nur empfehlen, an einer der zahlreichen Führungen mit dem Bauhistoriker Holger A. Dux teilzunehmen, die immer wieder angeboten werden. Hinweise dazu findet man in der Tageszeitung. Besonders beeindruckt hat mich persönlich seine Führung über den Aachener Waldfriedhof.


Juni 2020

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Hannelore Follmer

Hannelore Follmer im April 2015 über sich:

Ich bin Jahrgang '57 und ein "echter Öcher met Hazz en Blot". Meine Heimatstadt ist für mich die "schönste Stadt der Welt". Ich bin verheiratet und habe zwei erwachsene Kinder.

Eins meiner Hobbys ist das Öcher Platt. Im Verein Öcher Platt bin ich langjähriges Mitglied.

2 Antworten

  1. Helma Netz sagt:

    Ach, was ist das wieder für ein wundervoller Beitrag! Man fühlt sich quasi an die Hand genommen und über den Westfriedhof mit all seinen besonderen Plätzen und Gräbern geführt.

  2. Richard Braun sagt:

    Liebe Hanne,
    mich nachdenklich machend und m. E. aktuell passend zu Corona, dass du die verschiedenen Formen des Gedenkens an Verstorbene mit der Darstellung mehrere Aachener Friedhöfe beschreibst und bebilderst.

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