Die Bande vom Ferberpark

Fast jeder Mensch erinnert sich bestimmt gerne an seine Kindheit. An die sorgenfreie und unbekümmerte Lebenszeit, in der man noch ohne Zwänge sein Leben erkunden konnte, ohne mit größeren Konsequenzen rechnen zu müssen.

Meine Kindheit durchlebte ich Mitte der 60er bis Mitte der 70ger Jahre in Burtscheid. Meine Eltern und ich wohnten in der Ellerstraße, die 1972 in Malmedyer Straße umbenannt wurde, in der direkten Nähe zum Ferberpark. Das elterliche Friseurgeschäft befand sich im gleichen Haus. Und genau dieser Ferberpark war mein Revier. Schnell hatte ich beim gemeinsamen Fußballspielen im Park Freunde gefunden. Damals lief das so ab, einer brachte einen Ball mit, dann wurde nur so etwas rum gekickt und einige Zeit später, wenn sich genügend Spieler gefunden hatten, zwei Mannschaften gebildet. Die Mannschaften waren meist vom Alter her sehr gemischt, nur Mädchen fanden selten den Weg in das Team.

Als imaginäres Tor dienten zwei auf dem Boden liegende Kleidungsstücke, die Höhe des Torraumes wurde je nach Treffer festgelegt. Einen Schiedsrichter brauchten wir nicht, strittige Situationen wurden mittels einer kurzen, aber lauten Diskussion geklärt. Kurz deswegen, weil man ja nicht diskutieren, sondern Fußball spielen wollte.

Nach dem Spielende verabredete man sich noch schnell für den nächsten Tag zur Revanche. Kannten sich die Spieler untereinander von den Vortagsspielen, so war auch die erforderliche Mannschaftswahl schnell abgeschlossen. Weniger gute Feldspieler, wie ich einer war, blieben meistens bei der Spielerwahl bis zum Schluss übrig. Doch daran war ich schon gewöhnt, denn so geschah es mir auch meistens beim Sportunterricht in der Schule. Hauptsache, ich durfte mitspielen. Doch im Laufe der Zeit stelle sich heraus, dass ich ein guter Torwart war. So rutschte ich bei den späteren Mannschaftswahlen in der Rangliste deutlich nach vorne, denn gute Torleute waren selten.

Im Winter wurde der parallel zur Kapellenstrasse abschüssig verlaufende Parkweg zur Rodel- und Eislaufabfahrt umfunktioniert. Hier kamen dann meine verstellbaren Gleitschuhe zum Einsatz. Dies ging dann so lange gut, bis der Stadtbetrieb mit Splitt, Sand und Salz anrückte und den Eiskanal stilllegte.

Im Sommer wurde also im Ferberpark Fußball gespielt, mit den Rollschuhen durch die damals neu angelegte Rollschuhbahn geflitzt, im oberen Teil des Parks Tischtennis gespielt oder das kleine Wäldchen, das an den Park grenzte und in dem ein altes leerstehendes Fabrikgebäude in der Nähe zur Viehhofstrasse stand, wurde zum Abenteuerspielplatz. In den 80er Jahren wurde das Gebäude abgerissen und auf der Fläche ein großer Parkplatz und eine große Sonnenwiese errichtet.

Ich war eigentlich immer mit den gleichen Freunden im Park unterwegs, für die beiden großen Sandkästen waren wir schon zu groß, wir drehten dann lieber mit unseren Fahrrädern unzählige Runden durch unser Parkrevier.

Unsere Drahtesel hatten wir mit langen Stöcken versehen, die als eine Art Antennen unsere Räder verschönerten. Zwischen die Speichen hatten wir Bierdeckel geklemmt. So entstand ein motorartiges Fahrgeräusch. In der unmittelbaren Fabriknähe, mitten im Gebüsch und vom Parkweg nicht einsehbar, hatten wir unser Versteck. Dort parkten wir auch unsere motorlosen „Motorräder“ und waren fortan die Ferberpark-Bande. Wir fühlten uns für den Park zuständig, halfen bei Streitigkeiten, organisierten Fußballspiele und patrouillierten mit unseren Rädern durch den Park. Als uns der Park zu klein wurde, erklärten wir kurzerhand noch den benachbarten Kapellenplatz zu unserem Territorium. Ja, wir waren damals die Kings. Auf unserer Fahrten fühlten wir uns frei wie gesetzlose Vagabunden.

Heute beschleicht mich das gleiche Gefühl noch immer beim Betrachten des großartigen Films „Easy Rider“ mit Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson aus dem Jahre 1969.

Auch wir waren 1969 unterwegs, zwar nicht auf Motorrädern durch Amerika, aber immerhin auf unseren Fahrrädern durch Burtscheid.

Man kannte uns in Burtscheid. Denn wir waren ein Ärgernis für so manche Burtscheider, die ihr Sonnenbad auf den Bänken des Kapellenplatzes nahmen und die wir mit unseren Kontrollfahrten und den dabei anfallenden Fahrgeräuschen offensichtlich sehr störten. Mittlerweile schlossen sich immer mehr Jungs unserer Bande an. Die Voraussetzungen für die Mitgliedschaft waren: Man musste ein Fahrrad haben und fußballspielen können. Irgendwann erhielten wir von einigen Mädchen den Hinweis, dass wir in naher Zukunft von dem gefährlichen Olaf und seiner Bande aus der Altdorfstraße überfallen würden. Das Gebiet dieser Bande grenzte direkt an unseres.

Man munkelte damals, dass die Olaf-Bande bei der Räumung der besetzten alten roten Backsteinschule in der Kleverstraße die Polizei mit Eiern beworfen haben soll.

Heute steht dort ein kleines Parkdeck.

Also, mit den Jungs war nicht zu spaßen, und die weiblichen Hinweisgeber, die sich unserer Bande in der Vergangenheit immer wohlwollend und zugeneigt verhalten hatten, war zu trauen. So wurde in unserem Versteck Kriegsrat gehalten. Wir wussten durch Erzählungen, dass Olafs Band, deren Einzugsgebiet bis zum Krugenofen reichte, unserer Ferberpark-Bande von der Mitgliederzahl her weit überlegen war. Doch wir hatten uns schnell auf eine List geeinigt, wie wir der drohenden Gefahr und so dem drohenden Verlust unseres Gebietes an Olafs Bande begegnen könnten.

Mittlerweile hatten wir durch Spitzel auch den genauen Termin des feindlichen Überfalls herausbekommen.

Unser Plan zum Showdown am Nachmittag sah folgendermaßen aus: Wir hatten unsere Bande in zwei Gruppen aufgeteilt. Ein Teil der Bande hatte in der Nähe unseres Hauptquartiers im Gebüsch ihren versteckten Warteplatz, der Rest der Bande war mit den Fahrrädern im oberen Park, in der Nähe des Ausgangs zur Von-Pastor-Straße, in versteckte Lauerposition gegangen. Da wir den Angriff vom Eingang am Kapellenplatz erwarteten, hatten wir einen Späher hinter dem steinernen Löwen am Parkeingang und einen hinter dem WC-Häuschen auf der anderen Seite  im Eingangsbereich versteckt. Es dauerte auch nicht lange, und der erste Späher erblickte die Olaf-Bande und gab Signal zum zweiten Späher. Dieser gab durch das Gebüsch entlang der Fabrikmauer Fersengeld und informierte die im Gebüsch wartete Gruppe. Heute kann ich nicht mehr genau sagen, wie viele Jungen aus der Olaf-Bande in unser Gebiet im Ferberpark eingefallen waren, damals kam es mir vor wie fünfzig. Junge, Junge, da schlotterten mir zunächst die Knie. Wir wollten die feindliche Bande in den Park kommen lassen, um sie dann, wenn sie in der Mitte angekommen waren, zu umzingeln. So war zu mindestens unser Plan.

Meter um Meter betraten die Jungs der Olaf-Bande unser Gebiet. Sekunden kamen mir vor wie Stunden. Noch hatten sie uns nicht gesehen. Was wir zunächst nur als große Gruppe erkennen konnten, wurde jetzt beim Näherkommen immer deutlicher. Jetzt konnten wir auch ihre Gesichter erkennen. Das war nah genug, wir traten aus unserem sicheren Versteck hervor, und daraufhin machten sich auch unsere Fahrradjungs von der Von-Pastor-Strasse aus auf den Weg, dem Feind in den Rücken zu fallen. Das klappte alles gut und sah perfekt aus, wie in einem Indianerfilm. Die Indianer umzingeln den Siedlertreck, bevor sie die Kavallerie schließlich rettete.

Doch diesmal kam uns die Kavallerie zur Hilfe, denn urplötzlich kamen aus der anderen oberen Parkhälfte, aus Richtung oberer Kapellenstrasse, die Lühnemann-Brüder aus der Reumontstrasse mit lautem Geschrei angelaufen. Jetzt wurde Olafs Bande von drei Seiten her angegriffen und drohte nun völlig umzingelt zu werden. Doch Olaf blies zum Rückzug und wir alle mit lautem Geschrei hinterher. So vertrieben wir sie aus dem Ferberpark, über den Kapellenplatz bis zum Diana-Kino an der Neustraße, das sollte reichen.

Danach bedankten wir uns bei den Lühnemann-Brüdern, die mit Olafs Bande noch eine alte Rechnung offen hatten. Der Jüngste von insgesamt 10 Lühnemann Brüder ging mit mir in eine Klasse, und ihm hatte ich von dem bevorstehenden Ärger erzählt. Der wiederum hatte es seinen älteren Brüdern erzählt, und die kamen uns dann zu unserer freudigen Überraschung zur Hilfe.

Wenn ich heute durch mein geliebtes Burtscheid gehe, so hat sich in fast 40 Jahren vieles verändert. Burtscheid hat eine attraktive Fußgängerzone bekommen, und auf dem Kapellenplatz findet jeden Freitag ein großer Wochenmarkt statt. Doch viele kleine Geschäfte sind im Stadtbild leider verschwunden. In der Ellerstraße, zwischen Kapellenplatz und der Marienkapelle, gab es damals zwei kleine Lebensmittelläden, einen Schuster und ein Spiel- und Schreibwarengeschäft. In der Gregorstrasse gab es auch einen Tante-Emma-Laden. Nur das Büdchen auf dem Kapellenplatz hat überlebt. Dafür sind aber viele neue große Geschäfte, zahlreiche Cafes, Kneipen, Restaurants, Eisdielen zentral in der Fußgängerzone und in den angrenzenden Strasse entstanden. Burtscheid hat sich so im Laufe der letzten Jahre zu einem lukrativen Einkaufsviertel entwickelt. Eigentlich brauchen Burtscheider kein Auto, denn in Burtscheid gibt es fast alles, und Geschäfte, Bank, Post und Ärzte sind bequem zu Fuß zu erreichen.

Ich genieße die Tatsache, dass meine Firma ebenfalls in Burtscheid ihren Sitz hat, so fühle ich mich auch heute noch als Burtscheider Jung, der 1960 im Marienhospital geboren und mit Burtscheider Wasser getauft wurde.

Die Nähe zum Aachener Stadtwald und zur Aachener City, ein aktives Vereinsleben verschiedenster Art, interessante Aktivitäten, wie zum Beispiel die Burtscheider Bänkeltage, der Kinderflohmarkt, das Weinfest, musikalische Veranstaltungen in den Kurparkterrassen, das Lichterfest, heiße Quellen und Thermalbrunnen, gute Busverbindungen in alle wichtigen Richtungen bis hin in die Eifel und das ruhige Kurparkviertel haben dafür gesorgt, dass sich Burtscheid in den letzten Jahren als Favorit bei der Wohnungs- oder Haussuche gemausert hat.

Schade nur für die Burtscheider, dass das legendäre Öcher-Schängchen-Theater, das seit 1954 in dem Burtscheider Jugendheim Kalverbenden beheimatet war, 1982 aus  Platzgründen  in die Tuchfabrik am Löhergraben umgezogen ist.

Dass jedes Jahr am Fettdonnerstag der Burtscheider Markt am historischen Abteitor unterhalb der Kirche St. Johann, die eigentliche Hochburg des Aachener Karnevals ist, beweist der jährlich wachsende, schunkelnde und kostümierte Besucheransturm der Jecken aus Stadt und Land.

Doch es gibt leider auch einige negative Anmerkungen: Das Parkdeck an der Kleverstraße und leider auch der Ferberpark laufen heutzutage Gefahr, zum sozialen Brennpunkt in Burtscheid zu werden. Bewohner und Geschäftsleute beschwerten sich in der Vergangenheit häufig über die wachsende Kriminalität, Autoeinbrüche, Diebstähle, Schlägereien, Überfälle und über Dealergeschäfte im Ferberpark.

Und das in dem Park, wo ich völlig unbekümmert und glücklich meine Kindheit erlebt habe. Dort, wo ich vor fast 40 Jahren friedlich mit den Jungs der Ferberpark-Bande Fußball gespielt habe und mit meinem Fahrrad durch die Gegend gedüst bin. An die Namen der Jungs aus der Ferberpark-Bande kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass einer aus der Bande Mitte der 70er Jahre im Aachener Karneval Märchenprinz geworden ist und seine Eltern in der Heißbergstraße eine Sauna unterhielten.

Einem rothaarigen Mädchen von denen, die uns damals vor der Olaf-Bande gewarnt hatten, begegne ich heute oft noch in Burtscheid. Wir haben uns seit dieser Zeit nicht mehr unterhalten, grüßen uns aber immer freundlich. Ob sie sich wohl auch noch so genau an die Bande vom Ferberpark erinnert?

 


 

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3 Antworten

  1. Marion Dewald-Welter sagt:

    Hallo
    habe Ihren Artikel mit Begeisterung gelesen, denn auch ich habe 1975 mit einigen Freunden meine Freizeit im Ferberpark verbracht. Da ich noch mit einigen Leutn von damals Kontakt habe, haben wir aus einer Laune heraus im letzten Sommer unsere alte Clique zusammen getrommelt. Es war ein feucht, fröhliches Treffen nach über 42 Jahren uns seit dem Treffen wir uns reglmäßig. In diesem Sinne ein Hoch auf den guten alten Ferberpark

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