Im Ratskeller von Kelmis

…oder: Raymond raucht nicht mehr – streng genommen keine Oecher Geschichte.

Daran erinnere ich mich, wenn ich in Kelmis am Ratskeller vorbei fahre und an meine „stürmische halbstarke Zeit“ in den späten 1960ern an der Theke bei Jupp Zervas denke. Er war stolzer Inhaber eines Ausweises, der ihn noch als in „Moresnet neutre“ Geborenen auswies.

Von der Lütticher Straße am Preusweg bis vor seine Kneipentüre neben der Kelmiser Polizeistation gelangte man schneller als zum Heppion oder Scotch Club  mit Parkplatzsuche.

Außerdem war sein Stella Artois neben 70 anderen Biersorten (darauf war er besonders stolz) preiswerter als in der Stadt.  Am Zoll in Tülje fuhren wir, den belgischen Zöllnern Respekt zollend, langsam vorbei, um dann nach Schichtende mit dem einen oder anderen Uniformträger neben dem Billardtisch ins Gespräch zu kommen.

Hier lernte ich sehr schnell die Kelmiser Szene und meinen Freund, Bäcker und Patissier Raymond kennen. Sein Vater führte in der Kirchstraße eine alteingesessene Bäckerei. Eines Tages stellte Raymond mich seiner Familie vor. Denn er hatte offensichtlich zuviel über mein revolutionäres 68er Gedankengut Berichtet, so dass die alten Herrschaften um das geistige Heil ihres Sohnes besorgt waren. Sie haben sich im Laufe der Jahre mit mir versöhnt, mir auch das eine oder andere französische Kulturelement vermittelt; aber ich blieb immer der geistige Unruhestifter.

Hier könnte die kleine Geschichte zu Ende sein.

Doch als ich eines Abends in der Kneipe schwärmte, in den kommenden Tagen wieder in die Türkei aufzubrechen, hatte Raymond neben seinem Zigarettenrauch auch soviel Duft der großen weiten Welt eingeatmet, dass er seine Eltern schnurstracks vor die Tatsache seiner Mitreise stellte.

Daraus entwickelte sich eine beinahe lebenslange Reisepartnerschaft. Das übertrug sich auch auf sein Arbeitsleben, als er, nun Familienvater, für einen Brüsseler Weltkonzern, den Bäckern hinter dem Eisernen Vorhang, den Türken und denen in Afrika zeigte „wie man mit seinen Backmitteln das wahrlich gute Brot backte“.

Und immer steckten in seinem Gesicht Zigaretten der teuersten Marke; gekauft in den Duty Free Shops dieser Welt.

Als wir so unsere reifen Jahre fast genommen hatten und es mich wieder in mein geliebtes Nepal zog,  wollte er unbedingt noch einmal mit. Auf dem Flug gestand er mir dann, dass wir dort unbedingt hoch hinaus müssten. Denn er wolle sich das Rauchen abgewöhnen und hoffte nun, da oben bei 4000 m würde es ihm leichter fallen, wenn ihm die Luft  dazu fehle.

Auf dem Treck im Sagamatha Nationalpark Richtung Everest  gibt es  das Kloster Tenboche. Hier unterbrechen alle Trecker und passen sich in einer Pause der Höhe an. Raymond zeigte sich nach zwei Tagen noch recht lustlos und ließ mich alleine weiter wandern. Als ich dann einige Tage später nachmittags zurückgeschlichen kam, stand mein Belgier, eine chinesische Zigarette auf den Lippen, rauchend in der Türe des Aufenthaltsraumes der Hütte. Er zog mich vor eine kleine Theke (so etwas fliegen Hubschrauber dort hinauf) griff in eines der Tabletts und offerierte mir zwei Teilchen mit dem Worten: “So hoch oben wurden noch nie Kelmiser Plunder gebacken“.. Aus lauter Langeweile hatte er die kleine Backstube betreten und wortlos, (Welcher Belgier spricht schon tibetische Dialekte) nach Jackbutter und Mehl gesucht und was ihm sonst noch in die Hände fiel. Dann backte er mal eben mit Jackbutter 100 Belgische Plunder. Verständlicherweise war er mächtig stolz auf sich. Die Mönche in ihren roten Gewändern hat er allerdings nicht  gerührt.

Raymond rauchte weiter chinesisch und war beim Heimflug glücklich, wieder auf seine Marke zurückgreifen zu können.

Er wollte seine kleine Geschichte immer in der Firmenzeitung veröffentlichen; konnte sich aber nie dazu durchringen, raucht heute nicht mehr und wenn man ihn nach seiner OP mit fünf Stents zu seiner Gesundheit fragt, kommt ein langsames und stilles “Langsam, aber et jeht“.


 

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Claus-Peter Marzodko

Claus-Peter Marzodko, geboren 1941 im Erkerzimmer (7) des Sanatoriums und in Folge des Krieges ohne Vater auf der Lütticher Straße am Preusweg groß geworden. Echter Räenpitt – auch wenn der Schatten des Doms kurz vor dem Franziskuskrankenhaus endete; Tochter, Sohn und 3 Enkel.

Als ihn die Pubertät erwischte, folgte er seinen Altvorderen und wurde in Alsdorf Bergmann und anschießend Steiger/Dipl-Ing. Als Folge eines Studienaustauschs im Steinkohlenbergbau an der anatolischen Schwarzmeerküste 1966 wurde die Türkei seine erste große platonische Liebe. Die bereiste er anschließend bis in die hintersten Ecken und schleppte, zwischenzeitlich in den Lehrerberuf gewechselt, als einer der ersten deutschen Lehrer 1987 die Schüler und Schülerinnen seiner Abschlussklasse an der GHS Burtscheid drei Wochen durch die Türkei. Daraus entstand frühzeitig ein erfolgreicher Schüleraustausch mit dem TED Kolegi in Kayseri. Vor dem Eintritt in den Ruhestand wanderte er mit neun seiner Schüler/innen bei einer herbstlichen Trekkingtour im Nepalischen Anapurnagebiet. Und hier unterstützt er mit einigen seiner ehemaligen Schüler verschiedene Projekte und insbesondere das Suchma-Koirala-Memorial–Hospital von Interplast Germany in Sanku am Rande des Kathmandutals.

Länder, Völker, Abenteuer waren und sind das große Hobby des ehemaligen Erdkundelehrers; und mit seiner Frau Irene treibt es ihn immer noch in die Welt hinaus.

1 Antwort

  1. Pit Hohenhagen sagt:

    Immer wieder schön, solche “Geschichten” zu lesen. Danke

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